Der Friedenstroubadour


Interview mit James Twyman
von Jason Francis

James Twyman ist ein amerikanischer Musiker, der auf der ganzen Welt als „Friedenstroubadour“ bekannt ist. Er hat 18 Alben aufgenommen, 15 Bücher geschrieben und sechs Filme produziert beziehungsweise Regie geführt. Twyman bereist Konfliktländer, um dort mit den Menschen aller Religionen für den Frieden zu beten und globale synchrone Friedensmeditationen zu veranstalten. Jason Francis interviewte James Twyman für Share International.

Ein schicksalhafter Entschluss
Share International: Was hat sie dazu veranlasst, zu einem Friedensboten zu werden?
James Twyman: Im März 1994 gab mir ein Freund ein Blatt Papier, das mein Leben verändert hat. Auf diesem Blatt standen die Friedensgebete der 12 großen Weltreligionen. Diese Gebete wurden ein paar Jahre zuvor in Assisi gebetet, als Religionsführer aus aller Welt, darunter auch der Papst und der Dalai Lama, sich dort trafen, um miteinander zu beten. Jeder sprach das Friedensgebet seiner Religion.
Als ich die Gebete las, geschah etwas Erstaunliches, was ich seitdem nie mehr erlebt habe: Ich hörte die Musik dazu. Ich las das hinduistische Gebet und hörte die Musik dazu und spielte sie mit. Ich begann das buddhistische Gebet zu lesen, und dasselbe geschah. Ich las ein Gebet nach dem andern und spielte es mit. Innerhalb einer Stunde hatte ich alle 12 Gebete vertont. Mir war bewusst, dass das ein Geschenk war und dass ich es mit anderen teilen sollte. In diesem Augenblick beschloss ich: „Ich bin der Friedenstroubadour“. Zuerst war ich der mittellose Troubadour, der herumreiste, Konzerte gab und die Gebete unter die Leute brachte.
1995 hatte ich das Gefühl, dass ich an die Orte reisen sollte, wo Frieden am dringendsten benötigt wurde. Also lud ich mich selbst nach Kroatien und Bosnien ein, als dort Krieg herrschte, und trat unter anderem in Flüchtlingslagern auf. Es war unglaublich. Einmal wurde ich in die Berge an der Grenze zu Bosnien und Kroatien eingeladen. Man sagte mir, dass dort eine geheime Gesellschaft oder Gemeinde von Lichtarbeitern lebe, die sich Gesandte des Lichts nannten. Sie lebten an einem sehr abgelegenen Ort mitten im Wald. Ich verbrachte dort 12 Tage. In meinem Buch Emissary of Light („Gesandter des Lichts“) schrieb ich über meine Erfahrungen dort.
Von da an wurde ich in verschiedene Länder eingeladen – in den Irak, nach Nordirland, nach Südafrika und zuletzt nach Syrien –, und ich bereiste weitere Länder, wo ich meine Friedenskonzerte gab. Ich hatte immer das Bedürfnis, Menschen zusammenzubringen und die Friedensbotschaft mit ihnen zu teilen. Mit der Zeit fokussierte ich mich darauf, weltweit Meditationen zu fördern und zu unterstützen, bei denen sich Menschen mit ihren Friedensgebeten auf eine Situation in einem Land konzentrierten, in dem ich mich gerade aufhielt. Inzwischen habe ich mich völlig darauf ausgerichtet, als Friedenstroubadour zu arbeiten.

Göttliche Begegnung
SI: Im September 1999 erschien in Share International ein Artikel über Ihre Marienbegegnungen in Belgrad, in Medjugorje und im Flüchtlingslager von Brazda. Könnten Sie von diesen Begegnungen berichten? Welche Bedeutung haben sie für Ihr Leben?
JT: Ich war damals zum dritten Mal auf dem Balkan. Ich erinnere mich, dass ich diesen mystischen inneren Ruf spürte, dorthin zurückzukehren. Es war gerade die Zeit, als das serbische Volk gegen seine Regierung aufstand und eine friedliche Lösung des Konflikts forderte. Ich wollte einfach dabei sein.
Als ich in Belgrad war, traf ich während der Friedensmärsche auf der Straße eine junge Frau namens Maria. Sie hatte etwas Außergewöhnliches an sich. Etwa eine Woche später reiste ich nach Medjugorje. Das ist der berühmte Ort, wo sieben Kindern viele Jahre lang die Gottesmutter erschienen war. Ich wollte dort auf einem Hügel einen Friedenspfahl aufstellen. Als ich den Hügel auf einem einsamen Weg hinabstieg, begegnete ich dieser Frau wieder, die ich in Belgrad auf der Straße gesehen hatte. Es war eigentlich völlig unmöglich, dass sie auf natürliche Weise dieselbe Person hätte sein können, da die Frau, die ich in Belgrad getroffen hatte, Serbin war, zumindest nahm ich das an. Und eine Serbin wäre in Bosnien und Herzegowina, wo ich mich gerade befand, nicht willkommen gewesen. Es war mir also klar, dass da irgendetwas Außergewöhnliches geschah, und ich hatte mich schon daran gewöhnt, dass ich, wann immer ich in dieser Gegend war, besondere Erlebnisse hatte.
Bei dem Gespräch, das ich mit ihr führte, ging es ausschließlich um die Bedeutsamkeit des göttlich Weiblichen und die Rolle, die das göttlich Weibliche spielt, um Frieden auf Erden herzustellen. Ich begriff, dass diese junge Frau keine gewöhnliche junge Frau war, obschon sie ganz normal aussah. Sie war sehr hübsch. Sie trug gewöhnliche Jeans und eine Bluse, aber sie strahlte etwas aus, das mir klar machte, dass ich mich hier wieder mitten in einem dieser Erlebnisse befand. Ich schrieb darüber in meinem Buch The Secret of the Beloved Disciple („Das Geheimnis des geliebten Jüngers“). Durch dieses Erlebnis erfuhr ich erstmals die Bedeutung des göttlich Weiblichen in meinem Leben, und dieser Aspekt hat seither eine enorm große Rolle für mich gespielt.

Menschen können etwas bewegen
SI: Könnten Sie etwas über die weltweite synchrone Meditation erzählen?
JT: 1998 war ich auf einer Lesereise in London. Damals bereiteten sich die USA und ihre Verbündeten gerade darauf vor, den Irak zu bombardieren, und Saddam Hussein machte Probleme. Ich erhielt eine persönliche Einladung von Saddam Hussein, in den Irak zu kommen. Ich war natürlich sehr aufgeregt und auch etwas nervös, aber ich wusste, dass ich es tun musste.
Eine Freundin von mir, die auch meine Agentin ist, hatte etwa 300 Leute auf ihrer E-Mail-Liste. Wir wussten, um welche Zeit das Konzert in Bagdad sein würde. Sie schickte E-Mails an die Leute, die wir kannten, und bat sie, dafür zu beten oder sich mit all ihrem guten Willen auf diese Situation zu konzentrieren. Eine friedliche Lösung schien zu diesem Zeitpunkt unmöglich. Wir versandten die E-Mails trotzdem – und die Wirkung in den sozialen Medien war überwältigend, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es war das erste Mal, dass eine E-Mail in einem so großen Umfang weiterverbreitet wurde. Als ich das Konzert gab, wussten bereits Millionen Menschen davon und sandten ihre Energie und ihre Gebete. Es fühlte sich an, als regnete es positive Energie.
Wie gesagt, schien davor keine Möglichkeit einer friedlichen Lösung in Sicht. Nun aber hatten wir das Gefühl, als habe sich etwas verändert. UN-Generalsekretär Kofi Annan traf am nächsten Tag ein. Drei Tage nach den Gebeten wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet. Zumindest zu diesem Zeitpunkt starb niemand und es fielen keine Bomben. Und das war der Punkt, wo ich begriff, dass Menschen enorme Kraft haben, etwas zu bewegen, wenn sie sich in großer Zahl zusammentun und mit all ihrem guten Willen auf eine Situation konzentrieren. Studien, die davor und danach durchgeführt wurden, bestätigen die enorme Wirkkraft.
Von da an wollte ich das mehr und mehr tun – Leute dazu inspirieren, dass sie sich zusammentun und gemeinsam ihren guten Willen auf eine bestimmte Situation konzentrieren. Und es folgten viele weitere solcher Anlässe. Der letzte war im Februar 2016, als ich an der syrischen Grenze war. An der Andacht und Meditation nahmen sehr viele Menschen teil.*
Nun plane ich, jeden Monat irgendwo anders hinzureisen und dort eine Gebetswache abzuhalten. Ich habe gemerkt, dass die Leute nach etwas suchen, das beständig ist und nicht nur alle sechs Monate oder alle paar Jahre stattfindet. Sie wollen dauerhaft an Lösungen beteiligt sein, sie wollen fühlen, dass sie die Macht haben, etwas zu bewirken – zum Beispiel jeden Monat 15 Minuten lang ihre positive Energie auf eine Weltkrise oder Situation, die unsere Aufmerksamkeit benötigt, zu richten. Nächstes Jahr könnte ein wichtiges Jahr für solche Andachten werden. Es wird sich zeigen, dass es nicht nur eine mächtige Kraft ist, wenn sich Menschen in großer Zahl zusammentun und ihre Aufmerksamkeit auf etwas richten, sondern dass es die mächtigste Kraft im Universum ist.

SI: Können Sie uns über die Wunder berichten, die sich nach solchen Andachten ereignet haben?
JT: Fast jedes Mal geschah etwas, das uns zeigte, dass es sich um ein reales Phänomen handelt. Nach dem Irakerlebnis, das ich erwähnte, war das letzte Beispiel Syrien. Die Tragödie des syrischen Bürgerkriegs zog sich zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre hin. Es schien keine Hoffnung auf eine Änderung zu geben. Aber eine Woche, nachdem Millionen von Menschen gemeinsam für den Frieden gebetet und meditiert und so ihre positive Energie gebündelt hatten, begannen die Friedensverhandlungen in München. Ich halte mich nicht dafür verantwortlich, aber ich glaube wirklich, dass eine spürbare Energie entsteht, wenn wir uns mit all unserem guten Willen auf eine Situation konzentrieren.

Wir stehen vor der Entscheidung
SI: Was halten Sie von einer fairen Verteilung von Nahrungsmitteln und Ressourcen unter der Weltbevölkerung, um Gerechtigkeit zu schaffen, die wiederum die Voraussetzung für den Weltfrieden ist?
JT: Wann immer wir vom Teilen von Nahrungsmitteln und Wasser oder dem Ende von Gewalt sprechen, muss auch ein Bewusstseinswandel einsetzen. Wir leben in einer spannenden Zeit, wo es Stimmen wie die von Bernie Sanders in den USA gibt, der einen positiven Wandel anregt, indem er zu mehr ökonomischer Gleichheit aufruft. Gleichzeitig haben wir das genaue Gegenteil. Wir haben die Stimme von Donald Trump, der die Ängste, die Vorurteile und den Hass, den viele Leute empfinden, ausspielt. Mit der Tatsache, dass wir diese beiden Stimmen gleichzeitig haben, bietet sich uns eine bedeutende Gelegenheit. Wir stehen vor einer eindeutigen Entscheidung, die letztlich bedeutet: Wollen wir Liebe oder Angst? Die Bewegung geht in die eine oder die andere Richtung, aber wir wissen, dass die Liebe schlussendlich gewinnen muss. Immer mehr von uns gelangen zu der Einsicht, dass Liebe die einzige Wahl ist, denn die Angst zu wählen, würde bedeuten, dass wir eigentlich gar nichts wählen.
Der Bewusstseinswandel, der jetzt stattfindet, wird letztlich zu einer Lösung führen, die wir möglicherweise uns weder vorstellen noch verstehen können, aber wir können spüren, dass sie sich einstellt. Es wandelt sich etwas im Kern unseres individuellen wie auch kollektiven Selbstverständnisses. Das Problem ist weder Nahrung noch Wasser noch Wohlstand. Das Problem ist, wie wir darüber denken. Die Tatsache, dass wir eine so klare Entscheidung treffen müssen – entweder für die Liebe oder die Angst –, bedeutet, dass eine neue Lösung in greifbarer Nähe ist. Und mit diesem Bewusstseinswandel lösen sich die Probleme von allein.

*Als Antwort auf eine Frage in der März-Ausgabe von Share International sagte Benjamin Creme, dass die weltweite synchrone Meditation für Frieden in Syrien von der Geistigen Hierarchie der Meister unterstützt worden sei.

Weitere Informationen unter: worldpeacepulse.com



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