Martin Luther Kings Traum von Brüderlichkeit -
noch immer inspirierend

von Elisa Graf

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit das Leben von Martin Luther King mit nur 39 Jahren durch eine Kugel jäh beendet wurde. Wenn wir heute seines Todes am 4. April 1968 gedenken, ist sein Traum von einer universellen Gemeinschaft noch immer nicht verblasst. Da aber die Welt gespaltener ist denn je, veranlasst uns das, zu fragen: Was haben wir gelernt, und was hat sich seit jenem schicksalhaften Tag verändert?
Der Baptistenpastor Dr. Martin Luther King ist vielen als der prominenteste Sprecher und Anführer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in Erinnerung geblieben, der die Menschenrechte schwarzer Amerikaner leidenschaftlich verteidigt und erfolgreich für ein Ende der Rassentrennung gekämpft hat. Unter seiner Führung entwickelte sich die Bürgerrechtsbewegung zu einer starken Kraft für den Wandel und übte großen Einfluss auf viele spätere Bewegungen für sozialen Fortschritt aus. Aber Dr. Kings Kreuzzug für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit entsprach auch einem globalen Anliegen; man sieht ihn weltweit als Figur, die das Entstehen von Menschenrechtsbewegungen auf vielen Kontinenten förderte, sich für das Ende von Kriegen einsetzte und es für unerlässlich hielt, dass die Vorstellung und Erkenntnis "einer weltweiten Gemeinschaft die nachbarliche Sorge füreinander über die Grenzen des eigenen Stammes, der Rasse, der Klasse und Nation hinaushebt ... ein Aufruf zu einer allumfassenden und bedingungslosen Liebe zu allen Menschen, ... als absolute Bedingung für das Überleben des Menschen." Um dies zu erreichen, warb er für Gandhis Sicht des friedlichen, gewaltlosen Widerstands als der einzig wirkungsvollen Kraft zum Wandel und betonte, dass "der Mensch für alle Arten menschlicher Konflikte eine Methode entwickeln muss, die Rache, Aggression und Vergeltung ausschließt" und Liebe zur Grundlage hat. Für seinen gewaltlosen Kampf gegen Ungleichbehandlung von Schwarzen und gegen Rassismus wurde er 1964 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
King erkannte einen eindeutigen Zusammenhang von Rassismus, Armut und Krieg, die er die drei Übel nannte. Er sprach von ihnen als der Gewalt des Fleisches und der Gewalt des Geistes und sagte, dass "jede Religion, die vorgibt, sich um die Seelen der Menschen zu kümmern, der aber die Slums, in denen die Menschen dahinvegetieren, die wirtschaftlichen Bedingungen, die sie knebeln, und die sozialen Umstände, die sie verkrüppeln, egal sind, ist eine in spiritueller Hinsicht todgeweihte Religion, deren Ende absehbar ist".
Seine Vision war die Schaffung einer neuen Gesellschaft, die sich auf Gerechtigkeit, gleiche Chancen und Nächstenliebe gründet und die er die "geliebte Gemeinschaft" nannte. In der "geliebten Gemeinschaft", sagte er, würden Armut, Hunger und Obdachlosigkeit nicht toleriert, weil internationale Standards menschlichen Anstands dies nicht zulassen würden. Rassismus und jede Form von Diskriminierung, religiöse Intoleranz und Vorurteile würden durch einen allumfassenden Geist der Geschwisterlichkeit abgelöst werden - eine moralische Einschließlichkeit, sowohl wirtschaftlich als auch sozial.
In einem Artikel für das gemeinnützige Mediennetzwerk Project Syndicate bespricht der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz eine neue Studie, die sich damit befasst, was sich seit King geändert hat. Der Bericht ist kürzlich als Buch unter dem Titel Healing Our Divided Society: Investing in America Fifty Years After the Kerner Report erschienen. Der Kerner-Report war der Abschlussbericht einer Kommission, die von Präsident Lyndon B. Johnson nach den verheerenden landesweiten Rassenunruhen 1967 eingesetzt worden war. Er untersuchte die Gründe, die zu den Unruhen geführt hatten, und schlug entsprechende Maßnahmen vor. In seinen Schlussfolgerungen beschrieb der Bericht, so Stiglitz, "ein Land, in dem Afroamerikaner systematisch diskriminiert werden, unter Benachteiligungen beim Zugang zu Bildung und Wohnraum zu leiden haben und in ihren wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten stark beschnitten sind." ...


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